Teil 3 von Hendlknochen und Kleisterfinger

Fortsetzung…

13. März 2010

Im Treppenhaus befand ich mich gerade im zweiten Stock, als ich das Telefon in meiner Wohnung klingeln hörte. Ich eilte die letzten Stufen nach oben, sperrte meine Wohnungstür auf und griff nach dem Telefon. Wie gedacht, war meine Mutter am Apparat. „ Also wir haben uns gedacht, wir essen am Sonntag so gegen 13:30 Uhr und fahren dann los, was hälst Du davon?“ Ich stimmte zu und nach weiteren fünf Minuten verabschiedeten wir uns und legten auf. Morgen also dachte ich.

Tags drauf stand ich gegen halb zwei bei meinen Eltern vor der Tür und klingelte. Mein Vater veranstaltete die üblichen Spielchen durch die Sprechanlage und nachdem ich auf das heutige Geheimwort gekommen bin, erhielt ich bestgelaunt Einlass ins Treppenhaus.

Ich benutzte den Lift und fuhr ins dritte Stockwerk. Oben angekommen, ging ich  vier weitere Stufen hinauf und stand abermals vor geschlossener Tür. Ich wusste, dass jeden Moment die Tür mit einem Ruck aufgerissen wird und ich mich wie jedes Mal erschrecken würde. Mein Vater würde lachend an der Tür stehen und sich köstlich amüsieren. Da stand ich nun und wartete, atmete tief durch und streckte meine Hand zum Klingelknopf. „EEEEEERRRRRRRRRRRWWWWIIIIIISSSSSSSCCCCCCCHHHHHHHTTTTTT“ tönte es mir just in dem Moment entgegen, als ich gerade auf den Knopf drücken wollte und mein Vater im selben Augenblick die Türe mit einem Ruck aufriss.

Wie jedes Mal zuckte ich kurz zusammen und musste sogleich laut loslachen. Jedes Mal, aber wirklich jedes Mal aufs Neue erschreckte ich. Jedes Mal dieselben Spielchen und jedes Mal falle ich, trotz besseren Wissen, auf diese Masche meines Vaters herein. Er stand wie gewohnt im Türrahmen und schmiss sich weg vor Lachen. Ich trat in die Wohnung und kniff meinen Vater in den Bauch, diesmal zuckte er zusammen und im selben Moment begrüßte er mich herzlich. Meine Mutter schob ihren Kopf aus der Küche und blickte ebenfalls lachend in den Flur. „Macht ihr schon wieder Blödsinn?“ fragte sie grinsend, als sie auf mich zukam. Ich begrüßte sie ebenso herzlich wie meinen Vater und schlang dabei meine Arme um meine, einige Zentimeter kleinere, Mutter. Nach der Begrüßung zog ich meine Jacke und Schuhe aus und wurde auch sogleich auf Hausschuhe aufmerksam gemacht. Meine Eltern! Der Parkettboden könnte schlagartig meine Füße zum Gefrieren bringen.

Gegenseitig folgten wir uns in die Küche, dort roch es bereits nach dem leckersten Essen.

„Und was gibt es Neues?“ fragte mich mein Vater, als ich den Kochtopfdeckel anhob und hineinspähte. „Nix und bei Euch?“ fragte ich grinsend zurück. „Bei mir nix“ antwortete mein Vater und meine Mutter erzählte im selben Atemzug, dass in ihrer Firma endlich die neue Geschäftsadresse bekannt gegeben wurde. Ich legte den Deckel zurück auf den Kochtopf und sah sie fragend an. „Und wohin zieht ihr um?“ Sie widmete sich dem Salatdressing und berichtete währenddessen, wohin der Umzug gänge. Glücklicherweise zog die Firma nur einige Kilometer weiter und ich merkte, wie sich meine Mutter darüber freute. Sie erzählte auch gleich wie lange sie ab nächstem Jahr in die Arbeit zu fahren hätte und auf welchem Weg sie dorthin käme. Im Schnitt verlängerte sich ihr täglicher Arbeitsweg um 10 Minuten – jetzt nicht die Welt – wie sie meinte. Ich freute mich für sie, vorherige Umzugsgerüchte verursachten ihr Wochen vorher schließlich einige Bauchschmerzen. Während sie weiter von den Neuigkeiten in der Firma berichtete, goss sie das Dressing über den Salat und bat meinen Vater, Teller zu holen.

Beim Essen kam das Gespräch sehr schnell auf den anstehenden Besuch bei meinem Onkel. Meine Eltern hatten in den letzten Tagen ein weiteres Mal mit ihm und meiner Tante telefoniert. Er selbst hätte nur wenige Minuten mit ihnen gesprochen, hätte dann plötzlich unter Tränen den Hörer an meine Tante abgegeben. Mein Vater schluckte und legte das Besteck auf die Seite und blickte uns beide an. „Sein Gesundheitszustand hat sich momentan nicht gebessert, glücklicherweise aber auch nicht verschlechtert, jedoch haben ihm die Ärzte ehrlich gesagt, dass es keine Aussicht auf Besserung geben wird“ sagte mein Vater. Uns war allen klar, was damit gemeint war.

Für einen Augenblick war es still im Zimmer.

Fortsetzung folgt…

2 thoughts on “Teil 3 von Hendlknochen und Kleisterfinger”

  1. Das ist alles sehr realistisch dargestellt. man erlebt es so richtig mit: den fröhlichen Smalltalk, das Zuhause-Gefühl, dann der Themenwechsel… Und beides steht so nebeneinander, wie es im Leben eben so ist… Was mehr könnte ich sagen? …

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