Teil 2 von Hendlknochen und Kleisterfinger

Fortsetzung…

Meine Mutter war immer noch völlig aufgeregt und irgendwie durch den Wind. Sie nannte eine Uhrzeit, verbesserte sich dann wieder, stammelte irgendwas vom vorher essen und schließlich meinte sie, sie würde mich morgen noch mal anrufen. Jetzt weiß sie grad nicht wann wir losfahren und sie muss überlegen wie wir das mit dem Essen machen. Meine Mutter – völlig durch den Wind und trotzdem versucht zu planen.

Wir beendeten das Gespräch mit der Absicht morgen genauer zu planen, jetzt sollten sie erstmal wieder einen klaren Kopf bekommen. Mein Vater würde ebenfalls völlig aufgeregt durch die Wohnung laufen, berichtete sie noch schnell. Das konnte ich mir bildlich vorstellen. Wie zwei aufgeschreckte Hühner würden meine zwei ziellos durch die Wohnung laufen.

Nach dem Gespräch stand ich einfach nur im Zimmer, hielt mein Handy in der Hand und blickte zum Fenster. Wie wird es ihm wohl gehen, wie wird er wohl jetzt aussehen? Fragen über Fragen und tausend Gedanken schossen in meinen Kopf. Geht es ihm besser? Es geht ihm bestimmt besser antwortete ich mir selbst, immerhin hat er uns eingeladen. All die Monate zuvor wollte und konnte er niemanden sehen. Er hat es nicht ertragen und auch hatte er keine Kraft andere Menschen zu sehen. Die einzige Ausnahme war seine Frau und seine beiden Kinder.

Meine Gedanken kreisten weiter wild in meinem Kopf umher und ich merkte plötzlich wie sich ein Lächeln auf meine Lippen schlich. Ich hatte ein ganz besonderes Bild vor Augen: Ich war acht oder neun und stand in der Wohnung meines Onkels. Alle Familienmitglieder waren anwesend und jeder war schwer damit beschäftigt beim tapezieren zu helfen. Ich kann meinen Vater auf der Leiter stehend sehen, meinen Onkel wie er gerade mit dem Tapezierpinsel die Tapete einkleistert und mein  Cousin der meinem Onkel immer einen, frisch in den Kleister getauchten Pinsel reichte. Der andere größere Cousin hielt die Leiter fest auf der mein Vater stand. Alle waren beschäftigt. Ich stand im Gang, ebenfalls mit einem Pinsel in der Hand und beklebte meine Hose mit kleinen Tapezierresten.

Meine Mutter ging gerade an mir vorbei in Richtung Badezimmer. Meine Tante trat aus der Küche und ging über den Flur in das Arbeitszimmer. Ich weiß noch wie ich mich plötzlich umdrehte und in die Küche geschaut hatte, ich weiß noch genau das ich urplötzlich einen Duft in der Nase hatte, einen Duft der unwiderstehlich für mich war. Es roch nach frisch gegrilltem Hendl und ich schlich mich in die Küche und blickte in den Ofen. Dort sah ich ewig viele Hendl auf dem Spieß drehenderweise hängen.

Meine Mama kam zurück in die Küche und strich mir über den Kopf. „Magst du mir beim Herausnehmen helfen“ fragte sie mich. Klar wollte ich, wusste ich doch dass ich dann die Chance hatte sofort etwas zu probieren. Wir hoben die Hendl aus dem Ofen und streiften sie vom Grillstab. Meine Tante kam ebenfalls in die Küche zurück und teilte die Hendl in einzelne Stücke und platzierte sie dekorativ auf eine große Platte. Ich wurde nach nebenan geschickt um alle anderen zum essen zu holen.

Mein Vater stand gerade mit einer neuen Tapete auf der Leiter und mein Onkel hielt sie ihm an die Wand. „Wir kommen gleich – nur noch die hier.“ Ich ging zurück in die Küche und setzte mich strahlend an den Tisch. Meine beiden Cousins saßen ebenfalls Sekunden später am Tisch. Allerdings wurde sie noch mal ins Bad zum Händewaschen geschickt.

Mir wurde mein Lieblingsstück vom Hendl auf dem Teller gelegt und ich trennte heimlich still und leise den Flügel ab und schob ihn mir sofort in den Mund. Natürlich wollte ich nicht erwischt werden dass ich schon vorher angefangen habe ohne auf die anderen zu warten, jedoch musste ich dieses Stück sofort haben J Schnell, ohne wirklich viel zu kauen, schluckte ich das Stückchen inklusive Knochen herunter. Und genau das war Sekunden später mein Problem.

Ein Stück vom Knochen steckte in meiner Speiseröhre fest und wollte einfach nicht herunter rutschen, ich fing an zu husten und meine Mutter stand augenblicklich neben mir und klopfte mir auf die Schulter. Ich hustete weiter – mittlerweile stärker und heftiger. Ein Glas Wasser wurde mir gereicht das ich auch sofort austrank, doch auch das half nichts, meine Mutter schrie nach meinem Vater und er versuchte den Knochen mit dem typischen Griff heraus zu bekommen. Keine Chance – mir blieb langsam die Luft weg. Ich wurde geschüttelt, gerüttelt jedoch all die Versuche halfen nichts.

Meine Lippen wechselten schon die Farbe und ich weiß dass es ein schreckliches Gefühl war und ich langsam panisch wurde. Mein Onkel stand urplötzlich auch neben mir, drückte mich an sich und schrie mich im selben Moment an ich solle schnell den Mund ganz weit auf machen. Ich folgte sofort. Er griff mir mit seiner voll mit Kleister verschmierten und verklebten Hand in den Mund und  ich spürte wie seine Finger in meinen Hals rutschten. Es ging unglaublich schnell, ich würgte und im selben Moment zog mein Onkel seine Hand aus meinem Mund und hatte den Stück Knochen zwischen den Fingern, welcher mir bis eben gerade noch die Luft raubte.

Luft! Endlich wieder Luft! Ich würgte noch einwenig, bekam noch ein Glas Wasser gereicht und die Farbe in meinem Gesicht normalisierte sich langsam wieder. Mein Onkel war der erste der für Witze bereit war. Er lachte laut und hob seine Hand und meinte „Ha Ha schau mal jetzt ist der ganze Kleber weg, jetzt muss ich nicht mal mehr Hände waschen.“ Klar war der Kleber weg, hatte ich ihn ja auch in meinem Mund!

Alle lachten und mein Onkel und ich gingen ins Bad, er wusch sich die Hände und ich wischte mir das klebrige Gesicht und gurgelte wie wild mir Wasser. Trotz allem war es sehr lustig und dieser Tag, so schlimm wie er auch hätte ausgehen können, brannte sich als einer der tollsten und lustigsten Tage in meine Erinnerungen. Mein Onkel wurde feierlich zum Lieblingsonkel erklärt, was er ohnehin bereits für mich war.

Fortsetzung…


2 thoughts on “Teil 2 von Hendlknochen und Kleisterfinger”

  1. Es ist schön zu lesen, daß solch ‚Anekdoten‘ und ‚Erinenrungen‘ eine tiefe Verbindung zu Menschen begründen können. Das macht Mut, daß es nicht immer großartige Leistungen sein müssen, sondern auch einfach ‚Da sein‘ oder ‚ zur rechten Zeit am rechten Fleck‘ sein können. Es ist doch mehr, was uns verbindet mit lieben Menschen als großartiges Geschwätz …. das freut mich! Hoffentlich geht es diesem Lebensretter gut! Es wäre ihm zu wünschen!!! Schön geschrieben…

  2. Das ist wirklich eindrucksvoll, wie Du Eure Gefühle des Nicht-fassen-könnens beschreibst, als Ihr eingeladen werdet! Das ist so intensiv, so absolut unglaublich dargestellt, daß ich im ersten tei. überzeugt war, Ihr hättet Euch Jahrelang nicht gesehen. Aber genau solch eine Intensität kann es eben ja auch annehmen, wenn einem ein mensch sehr wichtig ist. Die Gefühlsmischung bei dir und den eltern ist unbedingt und unmittelbar nachvollziehbar beim lesen. Toll! ich frage mich unwwillkürlich: ist es überhaupt Deine Geschichte oder eine fiktive? Aber im Grunde ist das auch völlig egal. Sie zieht einen mit und läßt einen auf die Fortsetzung warten.

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