Hendlknochen und Kleisterfinger

15 vor zwölf, 31. Dezember 2009

Zu sechst machen wir uns auf den Weg.

Auf meiner Uhr ist es genau 23:59 Uhr. Ich blicke auf mein Handy und um mich herum herrscht der totale Trubel. Hunderte von Menschen sind vor, auf und hinter der Brücke versammelt und warten auf das neue Jahr.

Raketen, Kracher und Böller wurden bereits Stunden vorher gezündet und in wenigen Sekunden wird der Himmel gleich bunt erleuchtet sein. Ich schau noch mal auf die Uhr und wie es der Zufall will, sehe ich wie sich die Zeitanzeige meines Handys auf genau 00:00 Uhr umschaltet. Happy New Year wünsche ich mir still selbst.

„Und?“

„Ich habe genau 00:00 Uhr!“

„Echt?“

„Ja!“

„Ja dann!“

Ich werde umarmt, gedrückt, geherzt und geküsst. Ich umarme, drücke, herze und küsse zurück.

Um mich herum fallen sich hunderte von Leuten in die Arme. Jeder von ihnen zu einer anderen Zeit. Der eine wenige Sekunden vor uns, die anderen wenige oder gar einige Sekunden nach uns. Einheitliche Uhrzeit spielt hier keine Rolle. Hauptsache ist, die anwesenden Lieben werden gedrückt und gut ins neue Jahr gewünscht.

Die Brücke erstrahlt leuchtend in der Dunkelheit, am Himmel erscheinen die schönsten Muster und der Verkehr ist jetzt erstmal lahmgelegt.

Fremde Menschen fallen sich in die Arme, heben Ihre mitgebrachten Gläser, Becher und Flaschen und prosten sich, freudestrahlend zu. Beglückwünschen sich gegenseitig und für einen Moment gibt es nichts anderes auf der Welt, außer den Glückwünschen, die allgemeine Heiterkeit und die damit verbundene Freude. Ein schöner Moment, den ich im Kreise meiner Lieben sehr genieße.

0:01 ich drücke und wünsche immer noch – grad schön ist es. Das Feuerwerk um mich herum ist so atemberaubend, dass ich den Blick nicht nach unten senken kann und will.

Die Lautstärke der Kracher, Böller und Raketen singt nach wie vor in meinen Ohren.

Diesen Augenblick mag ich jedes Jahr aufs Neue. Ich blicke um mich und schau dem Trubel zu, ich kann sehen wie die Leute sich immer noch umarmen und gegenseitig zu prosten. Viele greifen zu Ihren Handys und brüllen ihrem Gesprächspartner Glückwünsche in die Ohren.

Auch ich nehme mein Handy aus meiner Jackentasche und wähle eine Nummer.

„Wir sind bei uns, für den Fall das du uns suchst.“ Diesen Satz höre ich gerade in meinem Kopf. Eine Stimme aus meinem Handy teilt mir mit, dass ich mich in der Homezone befinde. Gleich darauf ertönt ein Freizeichen. Ein weiteres Tonsignal erklingt. Nach weiter 4 Klingeltönen lege ich auf und tippe auf mein Telefonbuch. Ich wähle die andere Nummer. Direkt nach der Homezone Ansage, bin ich mit meiner Mutter verbunden.

Sie klingt atemlos und gutgelaunt. „Wir  sind nicht gleich ans andere Telefon gekommen wir sind im anderen Zimmer.“ Im selben Atemzug wünschen wir uns zeitgleich ein gutes Neues Jahr. Ich erfahre, dass sie sich alle das Feuerwerk ansehen und restlos begeistert sind. Ihr Abend bisher sehr gemütlich und entspannt sei und sie alle viel Spaß haben. Das freut mich. Ich berichte noch wo und mit wem ich alles unterwegs bin und sie ließ an alle Beteiligten herzliche Grüße ausrichten. Wir verabschieden uns nach einigen Minuten, sagten noch wie lieb wir uns haben und sie reichte dann den Hörer weiter an meinen Vater.

Die Verbindung wurde schlechter und so beginnt das Gespräch erstmal mit einem suchenden Hallo. Ich sage ihm dass er bitte da stehen bleiben soll wo meine Mama gerade mit mir telefoniert hat, dort ist offensichtlich die bessere Verbindung. Entweder blieb er wirklich brav an der Stelle stehen oder die Verbindung verbesserte sich, wie dem auch sei.

Wir wünschten uns beide ein schönes neues Jahr, auf das es nicht so stressig wird wie das vergangene. Es war ein komischer Augenblick. Ich konnte hören wie die Stimme meines Vaters belegt klang, er sagte mir zum wiederholten Male, dass er mir ein ganz tolles neues Jahr wünscht, ein Jahr das beruflich etwas besser wird und das ich glücklich sein soll. Er wünschte mir nochmals viele neue Kunden und sagt dann mit einer Stimme, die wie mittlerweile meine eigene ziemlich belegt ist, dass er mich sehr liebt. Gerade als ich dass selbe zu ihm sagen will, steigen mir die Tränen in die Augen und ich kann spüren wie eine erste Träne meine Backe runterkullert. Ich kann nichts dagegen machen, ich schlucke und bringe gerade noch meine Worte heraus, schlucke ein paar Mal und bin irgendwie überglücklich.

Ich räusperte mich erneut und in diesem Augenblick hatte ich einen Menschen und einen Gedanken in meinem Kopf. Ich hörte meinen Vater ebenfalls sich räuspern und dann sprach er genau das aus was gerade in meinem Kopf aufgetaucht ist. „Ich hoffe das es meinem Bruder gut geht“ hörte ich ihn leise ins Telefon sagen. Leise sprach er weiter „Ich würde ihn gern anrufen, doch weiß ich nicht was ich sagen soll, ihm ein gutes neues Jahr zu wünschen klingt irgendwie seltsam“. Ich verstehe was er mir damit sagen möchte und ich antwortete mit belegter Stimme „ Ruf ihn trotzdem an, sag ihm das wir an ihn denken, darüber wird er sich freuen, auch wenn er weiß dass das neue Jahr vielleicht nicht das Beste für ihn wird“. Es fällt uns beiden schwer Worte zu finden, mein Vater bricht als erster die aufgetretene Stille und gibt mir recht. „Ich werde ihn von dir grüssen“ flüstert er fast unhörbar. „Ja mach das Papa, das wäre schön“

Als ich kurze Zeit später mein Handy wieder in die Jackentasche stecke, spürte ich deutlich die aufkommenden Tränen in meinen Augen. Ich stand etwas abseits und schaute nach oben. Das Feuerwerk erstrahlte immer noch in den tollsten Farben am Himmel. Ich sah weit oben eine chinesische Lampe schweben und schließlich schickte ich still einen Gruß mit auf ihre Reise. „ Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr.“

Die Träne die dabei heimlich aus meinem Auge kullerte wischte ich langsam weg, atmete mehrmals tief durch und genoss den Augenblick mit mir allein in mitten all der Menschen.

11. März 2010 – das Telefon klingelte.

Meine Mutter war am Apparat und klang aufgeregt. Es sprüdelte im selben Moment aus ihr heraus: „Du stell dir vor wer uns angerufen hat und uns gefragt hat ob wir vorbei kommen möchten!“ Sofort war mir klar von wem sie sprach. „Also wir sollen, wenn wir Lust und Zeit haben am Sonntag vorbei kommen, wir haben ihm gesagt das du bei uns bist und ob wir dich mitnehmen können oder ob es ihm vielleicht dann zuviel wird, er hat sofort gesagt dass du mitfahren sollst – also kommst du mit?“

Ich musste nicht überlegen. „Natürlich komme ich mit! Wann soll ich bei Euch sein?“

Fortsetzung folgt…

2 thoughts on “Hendlknochen und Kleisterfinger”

  1. Mir ging es wie dem ‚Nest‘, sehr anrührend und irgendwie auch nachdenklich stimmend, daß in dem Trubel Menschen stehen, die gar nicht feiern, sondern an irgendjemanden denken und dabei traurig sind. Und man selbst nimmt es gar nicht wahr….das ist ein bisschen erschreckend auch.

  2. Sehr bewegend. Hatte einen Kloß im Hals. Vor allem war es ein merkwürdiges Gefühl, wieder ans so weit entfernte Silvester zurückzukehren: zu Erneuerung, zu Vorsätzen und Umarmungen… Und zu wissen, daß in diesem speziellen Fal mehr dahinter steckt, macht nicht nur neugierig – sondern auch still.

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