Teil VII Trigger, der Fenstermensch und ein schneller Aufbruch

Fortsetzung…

Hier drehte er etwas länger an der Schraube im Fensterrahmen, immer wieder öffnete er das Fenster und schloss es unmittelbar danach wieder. Er rüttelte ebenfalls am Griff und schüttelte zur Abwechslung mit dem Kopf. Er blickte mich an und fragte nach einer Leiter. Also eine große Leiter habe ich nicht in der Wohnung, eine kleinere Trittleiter könnte ich anbieten meinte ich zu ihm. Er nickte und ich ging los und holte die geforderte Trittleiter.

Er stieg schwerfällig auf die selbige und stellte dann fest dass er doch etwas zu weit vom Fenster entfernt war. Daraufhin stieg er wieder herunter, schob die Trittleiter näher ans Fenster und erkletterte erneut die kleine Leiter. Im oberen Eck des Fensterrahmens befand sich eine weitere, gut versteckte Schraube. Diese bearbeitete er mit seinem Schlüssel, während er abermals mit dem Kopf schüttelte.

In meinem Kopf hörte ich schon seine Stimme sagen, dass dieses Fenster nicht zu reparieren ist und die schlimmsten Horrorszenarien spielten sich in meinen Gedanken ab. Fensterausbau – und das bei minus Graden. Ein Traum im Winter!

Ich nippte an meinen Kaffee und beobachtete den Fenstermenschen in der Höhe. Nach einigen Minuten kraxelte er die zwei Treppen mit hochrotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn herunter. „Gut dann hören wir mal wieder“, grinste er mich an. Ich wusste was jetzt kam. Natürlich forderte er mich auf näher zu kommen und am Fensterrahmen zu lauschen und natürlich tat ich, wie mir geheißen. Ich konnte nichts hören und auch keinen Luftzug an meiner, unauffällig am Fensterbrett abgelegten Hand verspüren. „Passt doch alles oder?“, fragte ich. Der Handwerker strahlte über das ganze Gesicht und war sichtlich stolz über sein Werk. Er schob die Trittleiter zur Seite und  klärte mich darüber auf das die Silikondichtung am unteren Rand erneuert werden muss.

Kaum hatte er es ausgesprochen bewegte er sich Richtung Wohnzimmertür. Im Gehen teilte er mir noch mit, dass er in seinem Werkzeugkasten bestimmt eine Silikonpistole haben würde. Ich blickte ihm schweigend hinterher. Während ich ebenfalls zur Wohnzimmertür ging hörte ich bereits aus dem Gang einen schnaufenden, am Boden knienden Handwerker der in seinem Werkzeugkasten stöberte.

„Ja also ich habe die Pistole nicht im Kasten, ich gehe eben mal runter und hole sie aus dem Auto“, sagte er und stand mühsam auf. „Ist es denn zwingend notwendig das Silikon auszutauschen?“ fragte ich. Die Vorstellung dass er ein weiteres Mal die Treppen rauf und runter musste widerstrebte mir irgendwie. Ich sah ihn schon schwer atmend im Treppenhaus sitzend.

„Ich habe das alte Silikon bereits entfernt, also bleibt uns keine andere Wahl es zu erneuern“ erwiderte er schlau. „Ich geh eben mal runter, bin gleich wieder da.“

Na gut wenn er meint, wann hat er denn das Silikon entfernt fragte ich mich in Gedanken. Irgendwie ist er ja schon ein komischer Vogel der Fenstermensch.

Hätte ich gehen sollen und die Silikonpistole aus dem Auto nach oben bringen sollen?

Diese Überlegung gefiel mir allerdings nicht wirklich, nicht weil ich die Treppen rauf und runter musste, nein einen fremden Menschen ließ ich nicht gern allein in meiner Wohnung.

Ich drehte mich, entschlossen einen weiteren Kaffee einzuschenken um, als es just in diesem Moment wieder klingelte. Also drehte ich mich wieder zur Tür und öffnete sie. Der Fenstermensch stand diesmal bereits vor meiner oberen Haustür. Ich gebe zu ich bin kurz über seinen Anblick erschrocken. Zum wiederholten Male sah ich den Fenstermenschen mit hoch rotem Kopf und kleinen Schweißperlen auf der Stirn.

Ich ging ein Stückchen auf die Seite und gewährte ihm abermals Einlass in meine Wohnung. Die Silikonpistole hielt er in der Hand. „Wissen Sie heute brauche ich kein Fitness mehr“, witzelte er. „Das glaube ich gerne“, antwortete ich.

Er brachte das Silikon zwischen Fensterrahmen und Fensterbrett an und verstrich das überschüssige Material mit dem Finger. „Äh hätten Sie ein Zewa?“ Natürlich hatte ich ein Zewa, ich brachte es ihm sogleich. Als er fertig war und sich umdrehte, stolperte er fast über die Trittleiter. Etwas schusselig war er also auch der Fenstermensch.

In der Küche angekommen, blickte er sich um. „Sie haben ja eine schöne große Küche“, lobte er. „Diese Fenster taugen wirklich nichts, die muss man eigentlich immer wieder mal nach ziehen“, bemerkte er noch nebenbei. „Ach sie arbeiten auch zuhause?“ fragte er mit Blick auf mein Notebook. „Ja, ab und an kann ich von zuhause arbeiten und heute muss ich allerdings noch mal raus, die ein oder anderen Dinge abgeben im Büro“, erklärte ich. „Ja das ist schon eine feine Sache mit dem Internet heutzutage, das gab es früher nicht, ich kenn mich damit leider gar nicht aus, ich bin schon zu alt dafür“, meinte er. Ich schätze ihn zwischen Mitte, Ende 50, wenn ich da an meine Eltern denke die sind beide fit am PC und schrecken vor nichts zurück was das Internet betrifft. Ich erzählte ihm von meinen Eltern und das er es doch einfach mal probieren sollte, so schwer wäre es nicht und Spaß würde es ohnehin auch noch machen. Er zog die Augenbrauen hoch und schüttelte wieder mit dem Kopf. Er sei Handwerker und so ein PC wäre eine andere Welt.

Wie es der Zufall wollte, ertönte in diesem Moment ein Klingelton aus meinem Notebook. „Ja was is jetzt des?“, fragte er erschrocken. Ich erklärte ihm dass gerade ein Anruf reinkommt. „Ja wie nachad, aus dem Ding da?“, kam es mir bayrisch entgegen. Er blickte ungläubig auf mein MacBook. Ich drehte es zu mir und sah dass mich meine Mutter anrief. Ich zeigte auf den Bildschirm und sagte: „Meine Mutter ruft gerade an, wollen sie mal sehen wie das funktioniert?“ „Ja freili, des muas i seng“, kam es sofort zurück. In der Aufregung sprach der Fenstermensch also tiefstes bayrisch.

Ich nahm den Anruf meiner Mutter entgegen und erzählte gleich das wir einen Mithörer hätten. Dies gefiel meiner Mutter natürlich und sie meinte sofort ich sollte doch mal auf Video drücken damit sie was sieht. Der Fenstermensch blickte ungläubig auf dem Bildschirm. „Ja wie jetzt, ko ma da a was seng?“, fragte er neugierig. Ich klickte mit der Maus auf Video und erklärte ihm noch das in wenigen Sekunden, dort auf dem Bildschirm meine Mutter erscheinen wird und wir bei ihr auf dem Bildschirm sichtbar werden. Er schüttelte wieder mit dem Kopf. „Des is a Sach, wahnsinn sacha gibt’s“, brummte er vor sich her.

Als er meine Mutter auf dem Bildschirm sah, war er sichtlich baff. „Kreizdeifi, des is ja a richtiges Buidl, da sigt ma ja was da andre grad macht“, erkannte er richtig. Er winkte meiner Mutter zu und begrüßte sie höflich. Meine Mutter ihrerseits winkte ebenfalls und grüßte ebenso erfreut. „Des is a suba Gschicht, des dad mir a Spass machen, i glab ich muas ma a so was kaffa“, meinte er begeistert. Meine Mutter stimmte ihm zu und meinte es wäre gar nicht schwer und sehr einfach zu erlernen. Während meine Mutter also die Vorteile eines Computers und dessen Nutzung aufzählte stand ich staunend daneben und beobachtete heimlich den Fenstermenschen wie er sichtlich begeistert zuhörte und ab und an bayrisch in den Bildschirm sprach. Es hatte ein klein wenig was von einer kaberettistischen Darbietung. Ich amüsierte mich prächtig.

„I dat erna wirklich no sackrisch gern länger zuhern, aber i glaub i muas mi jetzt a moi wieder um des letzte Fensta kimmern, sonst werd i heid nimmer fertig“, erwähnte er nach knapp 5 Minuten Gespräch mit meiner Mutter. Ich sah wie meine Mutter nickte und ihm noch einen schönen Tag wünschte und nochmals erwähnte wie einfach alles wäre und das es wirklich Spass bereiten würde. Sie verabschiedeten sich von einander und schließlich legte meine Mutter auf. Aha, und was wollte sie jetzt eigentlich von mir, fragte ich den bayrischen Handwerker. „Des woas i jetzt a ned, des hats wahrscheinlich vor lauter gschmarr selba vergessen“, kam als Antwort. Ich grinste und meinte dass ich sie eben nachher noch mal anrufen würde. „Des duast“, meinte er ebenfalls lächelnd. „Des gfeut ma scho, so a Bildschirmtelefon, des ist scho persönlicher als des andere“, stellte er fest. Er begann erneut darüber zu schwärmen, während er das Küchenfenster bearbeitete. Diesmal ging es ruck zuck. Einmal geöffnet, kurz fest geschraubt und schon wurde es wieder geschlossen. Diesmal musste ich nicht hören, lag wahrscheinlich daran dass er immer noch völlig aus dem Häuschen über den Anruf war. „So nachad, jetzt bin i fertig, oder ham ma no irgendwo a Fenster“, fragte er schließlich. Diesmal schüttelte ich mit dem Kopf. Das waren alle Fenster bestätigte ich.

„Guad, dann laf i moi oabi und hol den Auftrag, den muassaten sie mir no unterschreibn, damit die Hausverwaltung a sigt das i da war“, erklärte er mir während er seine Sachen zusammen packte. „Sie müssen noch mal runter?“, fragte ich ungläubig. „Ja scho i hab den Auftrag vorhind im Auto vergessen, heid is irgendwie ned mei Dag“, klärte er mich auf. Ich bot ihm an mit runter zu kommen, dann müsse er nicht noch mal hoch laufen. „Des is scho a nette idee, bringt aber nix, i muas no zu ihrer nachbarin eini, muas also eh noamal rauf“, berichtete er. Ach Gott der arme Kerl.

Er lächelte und nahm seinen Werkzeugkasten in die Hand und ich begleitete ihn zur Tür. Er ging ins Treppenhaus und wollte gerade die Treppen runter gehen. „Herr Fenstermensch – wollen sie den Werkzeugkasten nicht gleich da lassen? Oder brauchen Sie ihn nicht bei der Nachbarin?“, fragte ich noch schnell. „Ja mai, heid bin i scho bsonders deppad, den häd i jetzt mit oabi knumma und nachad wieda aufi gschleppt, mai dankschön“, kam es beschämt vom Fenstermenschen zurück. Er stellte seinen Werkzeugkasten ab, grinste noch mal und ging dann nach unten. Ich blickte ihm kurz hinterher und ging dann wieder in die Wohnung zurück.

Diesmal dauerte es knapp fünf Minuten bis es erneut an der Tür klingelte, ich konnte hören wie er die Treppen hoch kam. Natürlich hatte er auch diesmal wieder einen hochroten Kopf. Sein Auftragsschreiben wedelte er mir bereits einige Stufen zuvor entgegen. „So jezad aber, jetzt brauch i nur noch a unterschrift und dann hamas“, meinte er strahlend. Er folgte mir in die Küche, lächelte abermals als er das MacBook sah und fragte: „Hoats wieda klingelt?“ Ich musste lachen und verneinte seine Frage.

„Also, schaungs da muassens unterschreibn, glei da unten“, dabei deutete er auf die linke untere Ecke des Auftrages. Ich unterschrieb und gab ihm den Auftrag, inkl. Trinkgeld zurück und bedankte mich herzlichst. „Na, na des nehm i ned o, des brauchts gar ned, ich hab sovui Spass bei erna kappt, des passd scho so“, erwiderte er und gab mir sein Trinkgeld zurück. Ich wollte etwas erwidern, wurde jedoch von ihm ausgebremst: „ Wissns woas, wenn i mir a so a Maschin kaff, dann brauch i vielleicht a moi Hilfe und da dad ich sie dann wenn sie einverstanden sind oruafa, wär ihnen das recht?“

„Freili Herr Fenstermensch, ruafas mi einfach o, i helf erna dann scho gern weida“, erwiderte ich ich fehlerfreien bayrisch. Er lächelte und drückte meine Hand, faltete seinen Auftrag und steckte sie in die Gesäßtasche. Zusammen gingen wir zur Wohnungstür. „Machas as guad und merci no amoi für die lustige Zeit bei erna“, sagte er zur Verabschiedung. „Merci a und an schena Dag no und auf boid!“ antwortete ich……….

ENDE

2 thoughts on “Teil VII Trigger, der Fenstermensch und ein schneller Aufbruch”

  1. Das war ja mal echt knuffig! Irgendwas zwischen Seniorenbildungsprogramm und einem Beitrag zur „Völkerverständigung“. bin ja mal gespnant, wann er Computerkurse von dir erhält!…

  2. sakrisch guad sog i moi🙂
    preussisch- unkorrekt

    schade, dass du nicht öfter dialektisch🙂 schreibst….

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