Schultüten Boogie

An den Tag im Jahre 1980,  an dem ich eingeschult wurde, kann ich mich ehrlich gesagt heute nicht mehr erinnern. Der erste Schultag ruft mir keinerlei Erinnerungen hervor.

Natürlich weiß ich, bedingt durch die vielen Fotos die sich in mein Gehirn eingebrannt haben,  was ich anhatte, welche Farbe meine Schultüte hatte, sie war rot und Donald Duck war ganz groß aufgedruckt. Sicher war sie auch prall gefüllt mit Süßigkeiten und sonstigem Kleinkram, auf den ich damals so stand. War da nicht auch ein Y-Heft drin? Hm ich weiß es wie gesagt nicht mehr.

Die Beweis- und Erinnerungsfotos zeigen mich mit einer riesigen Zahnlücke und einem sensationellen Haarschnitt. Es gibt ein Foto, da sitze ich in meiner Klasse in der 3. Reihe, neben einem mir heute völlig unbekannten Kind. Vor mir auf dem Tisch liegt meine Donald Duck Schultüte und ich strahle „lückenhaft“ in die Kamera. Damals natürlich keine Digicam, nein eher eine, welche meist mit dem Daumen für das nächste Bild aktiviert wurde.

Ein weiteres Foto entstand im Kreise meiner Kindergartenfreunde. Die Gesichter erkenne ich heute noch und kann sie einzeln mit Namen benennen.  Den Namen meiner Klassleitung weiß ich ebenfalls noch heute – Jahre später.

„Und ich, und ich?“, „Ich will mich auch verabreden! NIE darf ich mich verabreden!“ Mitbenutzerkind II brüllte lautstark durch die Wohnung als es hörte, dass Mitbenutzerkind I bei einer Freundin übernachten darf. Augenblicklich strömten Tränen und unter lautstarkem Gestampfe rannte MBK II an mir vorbei, in sein Zimmer.

Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen nach einem solchem Vorfall die Glastüren mit voller Kraft ins Schloss geworfen werden. Wer baut auch Glastüren in Kinderzimmer ein? Ich blickte dem „kleinen Wasserfall“ hinterher und schlich mich ebenfalls zum Kinderzimmer. Hineinblickend fand ich MBK II heulend auf dem Bett vor, den Kopf tief in das Kissen vergraben.

Ich wünschte mir, bedingt durch die Heulboje, für einen Moment Ohropax  zum Schutz vor dem sicherlich bald auftretenden Tinnitus. Ich zog meinen Kopf wieder zurück und beschloss, die Heulboje allein zu lassen. Erfahrungsgemäß endet der Alarm nach einer halben Minute. Das „Drama“ erstmal zu ignorieren ist die beste Lösung.

MBK I stattdessen stand in seinem Zimmer und packte freudestrahlend unwichtige Dinge in seinen Rucksack. Ich verkniff mir einen Kommentar, obwohl mir die Worte: Schlafanzug, Zahnbürste, Unterhose, T-Shirt bereits auf der Zunge lagen. Auch hier ging ich der Strategie nach, das Ganze erstmal zu ignorieren.

Im anderen Zimmer angekommen, nippte ich gerade an meinem Kaffee, als die mittlerweile verstummte Heulboje urplötzlich neben mir stand. Ein Phänomen, an das ich mich nach all der Zeit immer noch nicht gewöhnen kann, urplötzlich steht irgendwo ein Kind neben einem – schwupps einfach so – unsichtbar an meine Seite gebeamt.

„Wie oft muss ich noch schlafen bis ich in die Schule komme?“ fragte mich das kleine verheulte Wesen neben mir. „Darf ich mich dann auch verabreden und woanders schlafen?“ Ich stellte die Kaffeetasse ab und überlegte – leicht panisch, mit der falschen Antwort ein neues Drama auszulösen. Sofort folgte eine weitere Frage: „Sind 100 mal Schlafen genug?“ Mein Einsatz: „100 mal schlafen reicht fast und verabreden kannst du dich ja jetzt auch schon. Wir können ja nächste Woche mal deine Freundin fragen, ob du dort übernachten darfst, was hältst du davon?“

Ich war gerettet! Strahlende Augen sahen mich an und sofort rannte MBK II in das Zimmer von MBK I und rief. „Nächste Woche kann ich bei Samira schlafen!“ Ich rief hinterher, dass wir ja erstmal nachfragen müssen, das wurde jedoch einfach mal ignoriert. MBK I reagierte auch nicht auf die Aussage und bald hörte ich hysterisches Gelächter, von Beiden aus dem Kinderzimmer – die Welt schien wieder in Ordnung zu sein. Oh wie ich mich auf die Pubertät freue!

Stunden später, MBK I war längst aufgebrochen zur Übernachtungsparty, kam MBK II zu uns ins Zimmer und legte einen Zettel und einen Stift auf den Tisch. Auf dem Zettel standen vier verschiedene Namen und die Zahlen 1-10. Ebenfalls zierte eine gemalte Figur mit fünf Fingern das Blatt Papier. „Darf ich jetzt in die Schule?“ wurden wir gefragt. Wir blickten uns an und lächelten. Wir mussten beide an die vergangene „Vorsorgeuntersuchung“ denken, bei der sich MBK II einen Spaß machte, und eine Figur mit jeweils zehn Fingern an jeder Hand malte und dann freudestrahlend verkündete, dass es ein Witz sei. Die „Fünf Finger Hürde“ wäre also geschafft.

„Ich darf doch jetzt in die Schule oder? Ich habe euch auch ausschlafen lassen heute“ Ich musste lachen, manche Gedanken von MBK II sind sensationell! Umwerfend brilliant!

MBK Mutter nahm die Situation in die Hand und MBK II verließ nach einiger Zeit stolz das Zimmer. Aus dem Kinderzimmer konnten wir ein fröhliches Gesinge vernehmen.

Die nächsten Tage gab es nur ein Thema, die „Schuluntersuchung“ stand vor der Türe und MBK II war in heller Aufregung. An meine persönliche Schuluntersuchung und der damit verbundenen Aufregung meinerseits kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Am Morgen der anstehenden „Schuluntersuchung“ stand MBK II bereits morgens um 5 Uhr neben dem Bett, angezogen und mit gepacktem Rucksack neben dem Bett. Mit der Information, dass jetzt der Arzt noch nicht wach wäre, hüpfte das aufgeregte Wesen zurück in sein Zimmer und warf die Stereoanlage an. Das Hörspiel der kleinen Hexe begleitete uns beim Aufwachen…

Nach dem Frühstück machten wir uns alle auf den Weg, ich wünschte MBK II viel Spaß bei der Untersuchung und erntete dafür ein breites Grinsen. Das angehende Schulkind war so aufgeregt und gespannt, dass es den Anschein hatte es würde gleich vom Boden abheben.

Zwei Stunden später, bekam ich eine Meldung auf meinem Handy: Wir haben jetzt ein Schulkind🙂

Als ich das frisch attestierte Schulkind gegen Nachmittag aus dem KIGA abholte, wurde mir sofort erzählt, dass es heute bei uns eine Party geben würde. Auf meine Frage, wie es denn bei dem Arzt gewesen sei, bekam ich nur eine kurze Antwort. Vor wenigen Stunden war die Untersuchung noch so ein großes Thema und jetzt, nachdem alles vorbei war, wurde es eigentlich gar nicht mehr richtig erwähnt. Auch so was, an das ich mich erst noch gewöhnen muss, nichts ist lange wichtig🙂

Ich bin gespannt, wie es im September sein wird, wenn MBK II das erste Mal in die Schule geht, die Schultüte prall gefüllt und den Schulranzen auf dem Rücken. Mama MBK wird 100te von Fotos mit der Digicam schießen und vielleicht kommt mir dann doch die ein oder andere Erinnerung an meinen ersten Schultag zurück….

Ich freu mich jedenfalls sehr für das neue Schulkind und bin irgendwie sehr stolz und noch mehr freue ich mich, dass ich immer öfters ausschlafen darf🙂

3 thoughts on “Schultüten Boogie”

  1. sooooo schön, richtig süß geschrieben! vielen dank für die schöne geschichte!! kann mich an meinen ersten schultag auch noch erinnern, allerdings war der auch noch in der ‚guten alten zeit‘🙂 hoffentlich bleibt die freude bei mbkII lange erhalten. aber mädels sind da ja meist mit mehr eifer dabei als jungs😦 weiter so und viele weitere nette geschichten aus dem ‚chaos‘..danke!!°

  2. Jajaaaaa! also ich erinnere mich auch nur noch fragmentarisch an meine Einschulung, nur daß ich an dem Tag meine für lange jahre beste Freundin von einer Klasse über mir gewinnen sollte, das weiß ich noch. wir ignorierten fast standhaft meine eltern, die mich im Internat allein lassen mußten und zumindest an diesem Tag trauriger darüber waren als ich… Perlenketten zusammenstecken und das Wohnhaus kennenlernen war viiiiiiiel interessanter. Ich glaub, ich hab mich auch schon lange auf die Schule gefreut vorher. an eine Schuluntersuchung kann ich allerdings üüüüüberhaupt nicht mehr erinnern. Muß es doch aber 1976 auch schon gegeben haben, oder? bin mal gespannt, ob sich die Freude bei mbk II halten wird und wie lange. Bei mir hat’s lange funktioniert, mir alter Streberin… Asche auf mein Haupt, aber ich bin supergern in die Schule gegangen. bin schon gespannt auf den nächsten Bericht. Liebe Grüße vom Nest

  3. danke, einfach nur herrlich und völlig zutreffend und ja, die Pupertät wird spannend, das kann ich, glaube ich, bestätigen.
    Tip: bin gerade fertig geworden mit Jussi Adler-Olsens „Erbarmen“. Ein schaurig gutes Buch. Jetzt fang ich mit Stig Larsons „Vergebung“ an, bin ja mal gespannt!
    Mach weiter so, bitte viele Geschichten, die einen verregneten Nachmittag wieder sonnig werden lassen.

    Viele Grüße
    Iceberg

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s